Porträt von Dr. Stefan Mühlhofer

Erinnern beginnt vor Ort

Der Arbeitskreis NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in NRW e.V. bündelt die Interessen der insgesamt 32 verschiedenen Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen. Wir haben mit dem Vorsitzenden, Dr. Stefan Mühlhofer, über Erinnerungskultur, Digitalisierung und die Bedeutung der Gedenkstätten für die Bildungsarbeit gesprochen.

Herr Dr. Mühlhofer, was zeichnet die Gedenkstätten in NRW aus?

Unser Trumpf ist die Vielfalt der Gedenkstätten. In der Arbeitsgemeinschaft sind 32 Erinnerungs- und Gedenkstätten vertreten – kleine und große, in der Stadt und auf dem Land, mit und ohne hauptamtliche Kräfte. Die Stärke liegt darin, dass jede Einrichtung herausstellt, was vor Ort passiert ist. So machen sie sichtbar, dass der Holocaust, nicht in Auschwitz oder Treblinka begonnen hat, sondern vor unserer Haustür. Die kleineren, oftmals rein ehrenamtlich betriebenen Gedenkstätten zeigen, dass all das im ländlichen Raum genauso geschehen ist wie in Dortmund, Köln oder Düsseldorf.

Das Ende des 2. Weltkriegs liegt mehr als 80 Jahre zurück. Was bedeutet das für die Erinnerungskultur – und wie können wir künftig noch erinnern?

Gedenkstätten sind Orte, an denen Geschichte weitergegeben und in Gegenwartsfragen übersetzt wird. Entscheidend für die Zukunft ist, wie wir mit diesem Teil der Vergangenheit des Landes umgehen. Wir sind heute eine bunte, vielfältige Gesellschaft, in der man selten dieselbe Herkunft, dieselben Traditionen oder dieselbe Sprache teilt – aber oft dieselbe Stadt, dieselben Schulen, denselben öffentlichen Raum. Umso wichtiger ist das gemeinsame Lebensumfeld als Bezugspunkt – das, was uns trotz aller Unterschiede verbindet. Und daran zu erinnern, was in diesem Umfeld in der NS-Zeit geschehen ist, kann uns helfen, das Zusammenleben besser zu gestalten.

Ein anderer Aspekt ist, dass die Arbeit der Gedenkstätten sich durch die Digitalisierung verändert: Die Recherchemöglichkeiten sind heute ganz andere als früher, Medien lassen sich viel einfacher und umfassender einbinden. Das historische Arbeiten insgesamt hat sich dadurch fundamental verändert.

Aber die Vorstellung, junge Menschen ließen sich nur über digitale Angebote erreichen, entspricht nicht meiner Erfahrung. Oft wirkt das Original viel stärker: Ein Dokument, das hundert Jahre alt ist, wird von vielen Jugendlichen als ähnlich „fern“ empfunden wie Julius Caesar – und gerade deshalb kann man sie mit dem Original, das es nur ein einziges Mal gibt und das nicht jeder zu sehen bekommt, neugierig machen.

Welche Verbindung sehen Sie zwischen der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und aktuellen gesellschaftlichen Fragen wie Antisemitismus oder Demokratiefeindlichkeit?

Es geht darum, deutlich zu machen, wo die kleinen Schnittstellen zwischen Zivilisation und Barbarei liegen. Der Weg in die Katastrophe verläuft nicht immer über einen offenen, brutalen Einschnitt, sondern kann damit beginnen, dass man „nur ein kleines bisschen“ falsch abbiegt – und dann immer weiter in die falsche Richtung geht, bis schließlich ein Zivilisationsbruch entstanden ist. Das zu sehen hilft, um wachsam zu bleiben.

Welche Rolle spielen die NS-Gedenkorte für unsere Erinnerungskultur?

Die Gedenkstätten sind ein Baustein im Umgang mit dem Zivilisationsbruch in unserer vieltausendjährigen Geschichte. Indem wir historische Aufklärung betreiben, leisten wir zugleich einen Beitrag, um gerade in Zeiten wie diesen unsere Demokratie zu stärken.

Deshalb ist es uns wichtig, gerade auch mit Schulen gezielt und nachhaltig zusammenzuarbeiten. Mit etlichen Schulen haben wir so genannte Bildungspartnerschaften geschlossen. Das bedeutet, dass die Zusammenarbeit zwischen Gedenkstätte und Schule von dieser fest im Curriculum verankert wird.

Grundsätzlich stellen wir immer wieder fest: Wichtig ist, dass die Besucherinnen und Besucher sich einlassen wollen auf das, was die Geschichte uns erzählt. Oft haben Menschen das Gefühl, sie wüssten doch schon alles über den Nationalsozialismus – durch Schulunterricht oder Dokumentationen. Erinnern ist aber mehr als Faktenwissen zusammentragen. Geschichte muss man sortieren, einordnen – und genau hier kommen im besten Fall wir als Gedenkstätten ins Spiel. Es braucht ein inneres Motiv und nicht nur Pflichterfüllung.

Sie spielen auf die aktuelle Memo-Studie an. Sie zeigt, dass Freiwilligkeit ein Wirkungsbooster ist: Wer einen Gedenkstättenbesuch als selbstbestimmt erlebt, bei dem entfaltet er besonders große Wirkung.

Zum Abschluss noch eine Frage: Was wünschen Sie sich in diesen stürmischen Zeiten mit populistischen Bewegungen und den jeweiligen Filterblasen für die Zukunft?

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass die demokratische Gesellschaft mehr und entschiedener dagegenhält und zeigt, wir sind die Mehrheit. Bei diesem Dauereinsatz für Demokratie werden wir als Gedenkstätten nicht nachlassen. Da sind wir echte Überzeugungstäter.