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Geschichte der politischen Bildung – Interview mit PD Dr. Tim Schanetzky, Teil 1

Wie hat sich die politische Bildung in Deutschland entwickelt – und was sollte sie im Laufe der Jahrzehnte leisten? Darüber haben wir mit PD Dr. Tim Schanetzky gesprochen. Der Historiker und Projektleiter am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen spricht über die Anfänge der politischen Bildung, wichtige Wendepunkte und den Wandel des Demokratieverständnisses. Wir veröffentlichen das Gespräch in zwei Teilen.

Herr Schanetzky, Sie betrachten das Feld der politischen Bildung seit den Anfängen in der jungen Bundesrepublik. Wie sah dieser Beginn aus – unmittelbar nach dem Ende des Nationalsozialismus?

Deutschland liegt 1945 nicht nur materiell, sondern auch politisch-moralisch in Trümmern. In der intellektuellen Öffentlichkeit der „Stunde Null“ gibt es zunächst eine Phase, die unter dem Stichwort „Besinnung“ abgehandelt wird. Man blickt auf die Errungenschaften der deutschen Kulturnation, sucht angesichts der Zerstörungen und des moralischen Bankrotts nach Orientierung und sinniert über die Zukunft. Vieles davon ist wolkig und mit Blick auf die NS-Zeit möglichst unkonkret. Mit diesem Ruhebedürfnis der deutschen Bevölkerung machen auch die Siegermächte ihre Erfahrungen. Im Moment der Besatzung will niemand mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt oder von Verbrechen gewusst haben. Darauf reagieren die Amerikaner mit anfangs Formen der direkten Konfrontation: Im Frühsommer 1945 stellen sie auf den Marktplätzen große Fototafeln und Plakatwände auf, unter anderem mit der Überschrift „Diese Taten – eure Schuld“, gleich darunter Fotos aus Bergen-Belsen und vom Massaker in Gardelegen. Bei vielen Deutschen provoziert das Schuldabwehr: Sie weisen den Vorwurf zurück, als Deutsche kollektiv für die NS-Verbrechen verantwortlich zu sein. Dabei ist den Alliierten sehr bewusst, dass Schuld immer etwas Individuelles ist und sich auf konkrete Taten beziehen muss. Das fließt in den Westzonen später auch in die Entnazifizierung ein oder in die Nürnberger Prozesse: Niemand dort ist kollektiv angeklagt, sondern es geht immer um konkrete Straftatbestände. 

Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus war also ein wichtiger Ausgangspunkt. Welche Vorstellungen gab es darüber, wie Deutschland sich gesellschaftlich und politisch verändern sollte?

Nach Kriegsende tauchen auf deutscher wie auf alliierter Seite Überlegungen zur „Reeducation“ auf. Gemeint ist damit die Erziehung zu einer neuen demokratischen Ordnung. Dahinter steht die Vorstellung, Deutschland nicht nur zu entnazifizieren und entmilitarisieren, sondern die Deutschen in eine neue, demokratische Ordnung zu führen. Demokratisierung ist eines der politischen Ziele, auf die sich die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 verständigen. Das meint in der sowjetischen Zone die Erziehung im Sinne einer marxistisch-stalinistischen Ordnung. In den Westzonen dagegen geht es um Demokratisierung. Was das im Einzelnen genau bedeutete, ist damals allerdings noch ziemlich offen. Auch aus dem deutschsprachigen Exil gibt es Überlegungen dazu, aber niemand hat ein fertiges Konzept. Vieles wird improvisiert und ziemlich hemdsärmelig ausprobiert.

Wie sah dieses Experimentieren mit Demokratie konkret aus?

Da waren ja viele praktische Probleme zu lösen. Wie geht man etwa mit jenen Deutschen um, die als Soldaten in Kriegsgefangenschaft oder als Amtsträger in automatischen Arrest gelangt sind? Im Südwesten sitzen sie zunächst in den Rheinwiesen, unter freiem Himmel und mit Stacheldraht eingezäunt. Dann beginnt man, diejenigen herauszugreifen, die sich offen für Neues zeigen und die intellektuellen Fähigkeiten mitbringen. Einer von ihnen ist Kurt Georg Kiesinger, der später Bundeskanzler wird und eben noch NSDAP-Mitglied und Ministerialbeamter im Auswärtigen Amt gewesen war.  Mit amerikanischer Unterstützung baut er eine Lagerhochschule auf. Als Jurist spricht er viel von Rechtsstaatslichkeit – gewiss ein Kontrast zum NS-Staat, aber was Demokratie darüber hinaus bedeuten mag, bleibt zunächst diffus. Aus Kriegsgefangenenlagern in Großbritannien wissen wir, dass dort mit praktischen Formen gearbeitet wird: Die Gefangenen wählen ein Lagerparlament, geben sich eine Selbstverwaltung und bringen eigene Zeitschriften heraus. Wer im NS-Staat offene Diskussion und solche Formen der Selbstorganisation nie erlebt hat, für den ist das alles völlig neu. Bald setzen Briten und Amerikaner auch auf Austauschprogramme, um Multiplikatoren für den demokratischen Neubeginn zu gewinnen.

Politische Bildung soll nicht nur erklären, wie der Staat funktioniert, sondern auch dazu befähigen, sich einzumischen und die Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Viele Menschen kommen damals eher zufällig in dieses neue Feld. Wie wird daraus eine eigenständige politische Bildungsarbeit – und wie grenzt sie sich von der Reeducation der Alliierten ab?

Es gibt nach 1945 – von wenigen Pädagogen abgesehen – kaum ausgebildete Fachleute für politische Bildung und auch keine Ausbildungsgänge. Vieles entsteht deshalb improvisiert. Ein gutes Beispiel ist der Jugendhof Vlotho in Nordrhein-Westfalen: Dort wird ein ehemaliges Gebäude der Hitlerjugend mit britischem Geld und unter demokratischen Vorzeichen für die Jugendarbeit genutzt. Typisch ist auch, dass daran nicht nur überzeugte Gegner des Nationalsozialismus beteiligt sind. Häufig arbeiten Menschen mit, die selbst im NS-Staat mitgemacht haben. Das ist ein meist übersehenes Charakteristikum der frühen politischen Bildung, die sich immer wieder um Abgrenzung von der Reeducation bemüht. Das trifft sich mit dem Bedürfnis der Briten, deutsche Akteure einzubinden, etwa bei den Volkshochschulen. Auch knüpft man an ältere Traditionen an: Schon in der Weimarer Republik hat es ja so etwas wie eine staatliche politische Bildungsarbeit gegeben, das nannte sich „Heimatdienst“ – ein Begriff, der aus der Propaganda des Ersten Weltkriegs stammte. Beim Aufbau neuer Institutionen haben viele Akteure das Vorbild der früheren „Reichszentrale für Heimatdienst“ und ihrer Außenstellen in den Ländern im Sinn. In Nordrhein-Westfalen gründet man schon 1946 eine „Staatsbürgerliche Bildungsstelle“, aus der später die Landeszentrale für politische Bildung hervorgeht. Den Begriff des „Heimatdienstes“ nicht zu verwenden – das war kein Zufall, sondern eine Form der Abgrenzung von den NS-kontaminierten Propaganda-Ideen.

Wenn es um die Bildung von Staatsbürgern geht – was wollte man den Staatsbürgern in der frühen Bundesrepublik vermitteln?

Die Staatsbürger sollen zunächst verstehen, wie der neue Staat funktioniert und welche Rolle sie darin haben: Wann geht man wählen? Was bewirkt eine Wahl? Was machen Parteien, Gewerkschaften oder Verbände? Das ist ein sehr stark auf den Staat und seine Institutionen ausgerichtetes Verständnis von politischer Bildung. Dahinter steht auch die Erfahrung des Nationalsozialismus: Nach dessen zwölfjähriger Dauermobilisierung ist man misstrauisch gegenüber politischer Graswurzelaktivität, was sich ja auch in der Repräsentativverfassung spiegelt, die sich die Bundesrepublik mit dem Grundgesetz gibt. Das Ziel der Bildungsarbeit sind nüchterne, aufgeklärte und gesetzestreue Staatsbürger. Der Demokratiebegriff selbst spielt in dieser frühen Phase noch gar keine zentrale Rolle.

Wann verändert sich dieses Verständnis? Wann geht es nicht mehr nur darum, dass Bürger die staatliche Ordnung verstehen, sondern darum, dass sie Demokratie selbst aktiv mitgestalten?

Das beginnt sich vor allem an der Wende zu den 1960er-Jahren zu verändern. Da wird der Demokratiebegriff selbst sehr viel wichtiger: Politische Bildung soll nicht mehr nur erklären, wie der Staat funktioniert, sondern auch dazu befähigen, sich einzumischen und die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Das hängt mit den gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit zusammen – mit einer neuen Generation, mit den Protestbewegungen und einem stärkeren Bedürfnis nach politischer Beteiligung. Damit verändert sich auch das Verständnis davon, was ein Bürger in einer Demokratie eigentlich sein soll. Das betrifft zu dieser Zeit längst nicht nur die politische Bildung, sondern man kann auch sehen, wie sich Parteien und Medien für die Pluralismustheorie zu erwärmen beginnen – nicht mehr Ruhe ist demnach erste Bürgerpflicht, sondern kritische Mitwirkung, und Konflikte gelten jetzt nicht mehr als Gefährdung der Staatsautorität, sondern als legitime Vorstufe der Konsensfindung.

Wenn das Ziel zunächst darin besteht, Staatsbürgerinnen und Staatsbürger für die neue Ordnung zu gewinnen: Gab es damals auch die Sorge, dass dieser demokratische Neuanfang scheitern könnte?

Ja, natürlich gab es solche Ängste. Man darf nicht vergessen, wie lange es überhaupt dauert, bis wieder eine staatliche Ordnung entsteht. Von 1945 aus betrachtet sind es mehr als vier Jahre, bis es mit der Bundesrepublik wieder einen handlungsfähigen Staat gibt, anfangs gewissermaßen auf Probe. Bis die Souveränitätsvorbehalte der Alliierten enden und sich die Bundesrepublik nach innen und außen tatsächlich souverän verhalten kann, dauert es bis zu den Pariser Verträgen von 1955, vom Kriegsende aus betrachtet also zehn Jahre.

Welche Rolle spielte dabei die politische Bildung? Ging es jetzt auch darum, die demokratische Ordnung zu stabilisieren?

Ja, das sieht man besonders im Vorfeld der Bundestagswahl vom September 1953. Im ersten Bundestag waren elf Parteien vertreten, darunter auf der Rechten auch offen revisionistische Kräfte. Hinzu kommt ein Antikommunismus, der auch vor dem Hintergrund des Krieges in Korea und der sowjetischen Panzer zu sehen ist, die am 17. Juni 1953 den Aufstand in der DDR niederwalzten. Die neu gegründete Bundeszentrale für Heimatdienst [Vorläuferin der heutigen Bundeszentrale für politische Bildung, Anm. d. Red.] arbeitet mit ihrer Aufklärungsarbeit gegen extremistische Positionen, unternimmt im August 1953 aber besonders viel gegen rechts außen. Man ist dann sehr erleichtert, dass sich weder bei den Kommunisten noch bei den rechten Parteien eine Sammlungsbewegung entwickelt. Im Gegenteil: Es zeichnet sich erstmals das System der beiden dominierenden Volksparteien ab.
 

(Teil 2 des Interviews erscheint am 12. Oktober 2027)

 

PD Dr. Tim Schanetzky, Jahrgang 1973, ist Projektleiter am Kulturwissenschaftlichen Institut und lehrt Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Essen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Kapitalismus, Demokratiegeschichte, Expertenkulturen und politische Ideengeschichte. 2025 ist sein Buch Politik der politischen Bildung. Das Ringen um die Demokratisierung der Deutschen seit 1945 erschienen.