Die Mottowagen sind das Salz in der Suppe
Wie eng Karneval und Politik zusammenhängen, zeigt sich nicht erst beim Rosenmontagszug. Aber spätestens dann ist die Nähe nicht mehr zu übersehen: Die großen Mottowagen sparen nicht mit Kritik am politischen Geschehen. Dabei stehen lokale Themen genauso Pate wie die Weltpolitik. Mit ihren überdimensionalen Pappmaché-Figuren von Politikern verweisen die Wagen auf aktuelle Ereignisse und Missstände. Der Düsseldorfer Bildhauer und Karnevalist Jacques Tilly baut seit über 40 Jahren die Karnevalswagen für den Düsseldorfer Zug. Tilly steht für eine Figurenwelt, die es satirisch in sich hat: Seine großen Mottowagen sorgen jedes Jahr für Schlagzeilen. Im Interview erklärt er, warum wir unsere Narrenfreiheit unbedingt nutzen sollten. (Foto: Tilly)
Herr Tilly, was hat Politik mit Karneval zu tun?
Der Karneval hat viele Facetten – und eine davon ist die anarchisch rebellische, die politische Facette. Hier im Rheinland gibt es die in ganz besonderem Maße. Der rheinländische Karneval war immer politisch, und darum ist Karneval eigentlich eine wunderbare Mischung aus Humor und Politik.
Der Rosenmontagszug ist natürlich der Höhepunkt einer jeden Karnevalssession. Und die politischen Wagen, die Mottowagen, sind dabei das Salz in der Suppe. Da nutzen wir unsere Narrenfreiheit aus: Die Aufgabe der Narren besteht eben darin, einmal im Jahr ungestraft denen da oben, also den Herrschenden, den Despoten, Autokraten oder auch demokratisch gewählten Politikern eins über die Mütze zu geben.
Wie suchen Sie Ihre Themen aus, was schafft es auf Ihre Mottowagen?
Ich will niemanden mit meinen politischen oder weltanschaulichen Vorstellungen missionieren, sondern ich möchte das in Bilder fassen, was die Menschen mehrheitlich denken. Meine Aufgabe ist es, das aufzugreifen, was so in der Luft liegt, womit sich die Menschen identifizieren können. Alle Milieus kann ich nicht abdecken, aber die Mehrheit soll sagen ‚Hey, Superwagen‘ und ihr Handy zücken. Wenn mir das gelingt, bin ich schon mal froh.
Wie hat sich das Verständnis für Satire über die Jahre verändert?
Ich bin seit 1983 dabei. Damals war alles noch sehr viel rigider, sehr viel strenger. Die Gesellschaft war noch nicht so humoraffin, wie sie heute ist. Ich kann heute Wagen bauen, für die hätten sie mich in den 80er Jahren im Rhein versenkt! Heute geht sowas. Die Gesellschaft ist freier geworden, und sie hat gegenüber dem vorbildlichen britischen Humor ein bisschen aufgeschlossen.
Was wünschen Sie sich, dass die Menschen mitnehmen, wenn Sie Ihre Wagen sehen?
Ich denke, dass die Arbeit des Satirikers ein Beitrag zur Streitkultur ist. So sehe ich auch meine Arbeit. Helmut Schmidt hat den schönen Satz gesagt „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine Demokratie.“ Darum dürfen die Meinungen auch aufeinanderprallen. Alle sollen es genießen dürfen, dass wir noch in einem liberalen Rechtsstaat leben, in dem Pluralismus herrscht und in dem verschiedene Weltanschauungen und Meinungen friedlich nebeneinander existieren können. Autokraten hassen diesen Zustand. In Putins Russland gibt es nur eine Meinung, nämlich die von Wladimir Putin. Hier soll es anders sein und das sollen die Wagen auch zeigen.
Was bedeutet Demokratie für Sie?
Demokratie ist eine Lebensauffassung, eine philosophische Haltung – dass der andere möglicherweise recht hat und ich mich möglicherweise irren kann.