Wie lebt man in Deutschland ohne Schriftsprache?
In Deutschland weisen zwischen 6,2 und 10,6 Millionen Menschen sehr geringe Lese- und Schreibkompetenzen auf. Was heißt das für ihre politische Teilhabe? Machen wir als Gesellschaft die richtigen Angebote? Wird Schriftsprache durch digitale Tools und Künstliche Intelligenz überflüssig? Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Literalitätsforscherin an der Uni Hamburg, ordnet ein.
Teil 1 – Ein Interview mit Frau Prof. Dr. Anke Grotlüschen
Frau Prof. Grotlüschen, fangen wir mal so an: Was gehört zu einer hohen oder gut ausgeprägten Literalität bei Erwachsenen?
Eine gut ausgeprägte Literalität liegt dann vor, wenn sich das Lesen flüssig und mühelos anfühlt. Beim Schreiben kommt alles zum Ausdruck, und zwar auf den verschiedenen Registern, vom Chat mit der besten Freundin bis zum formalen Brief. Es gibt eine sichere Anwendung von Schriftsprache in unterschiedlichen Gebrauchsformen. Es ist möglich, auch aus längeren Texten komplexere Informationen zu entnehmen, die an unterschiedlichen Stellen liegen, diese zu verknüpfen und daraus eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Wenn letzteres gegeben ist, liegen nach gängigen internationalen Bildungsstudien wie PISA oder PIAAC die höchsten Kompetenzstufen vor.
Als Literalitätsforscherin untersuchen Sie ja vor allem das Gegenteil, nämlich die Tatsache, dass in Deutschland sehr viele Erwachsene im erwerbsfähigen Alter als gering literalisiert gelten und nicht richtig lesen und schreiben können. Was ist damit gemeint?
In Deutschland haben wir an der Uni Hamburg 2010 und 2018 die repräsentativen LEO-Studien erhoben. Das so genannte Level One, also die geringe Literalität, umfasst das Alpha-Level 1, da können die Leute die Buchstaben. Auf dem Alpha-Level 2 ist es möglich, aus den Buchstaben sehr gebräuchliche Wörter zusammenzusetzen, wie Auto oder Urlaub. Auf dem Alpha-Level 3 ist es möglich, einfache Sätze mit etwa sechs Wörtern und ohne Nebensätze zu verstehen oder zu schreiben. Dabei kommt es aber zu vielen Fehlern. Die Alpha-Level 1 bis 3 zusammengenommen bilden den Bereich der geringen Literalität. Früher hieß das funktionaler Analphabetismus. 2018 waren das 6,2 Millionen Erwachsene mit guten deutschen Sprachkenntnissen zwischen 18 und 64 Jahren.
Auf der internationalen Ebene gibt es die PIAAC-Erhebung, die zuletzt im Dezember 2024 veröffentlicht wurde. Da ist die Grenze etwas weiter gefasst. Zum Beispiel fallen dort auch Menschen in das Level One, die in einem einfachen, klar strukturierten Text die gesuchte Information finden können, wenn sie gleich im ersten Satz steht oder wenn das exakte Wort vorkommt. In den Alltag hinein übersetzt heißt das, dass sich das Lesen sehr anstrengend anfühlt. Man kann es, wenn man es tun muss, aber es fühlt sich nicht gut an, es kostet viel Zeit und es passieren viele Fehler. Das betrifft in Deutschland etwa 10,6 Millionen Menschen zwischen 16 und 65 Jahren.
Auf internationaler Ebene testen wir übrigens nur das Lesen, weil die Verschriftlichung von Sprache sehr unterschiedlich ist. Im Türkischen liegt die Schriftsprache nahe an der gesprochenen Sprache. Im Deutschen ist das viel komplizierter, und im Französischen noch mehr. Diese Unterschiede lassen sich für Schreibtests schwer kalibrieren.
Die leo-Studie stellt schriftsprachliche Kompetenz in der Gesellschaft als Kurve dar. Wie lässt sich die Kompetenz dort beschreiben, wo die meisten Testfälle eingeordnet sind?
Die LEO-Studie ist oberhalb der Grenze zur geringen Literalität nicht mehr sehr genau. Da liegt auch nicht unser Forschungsinteresse. Aber natürlich gibt es auch oberhalb von Alpha Level 3 noch ein Segment, in dem Menschen Fehler machen. Das betrifft die Groß- und Kleinschreibung oder Worte, die nicht so gebräuchlich sind; der ‚Chrysanthemenweg‘ zum Beispiel oder ‚Rhythmus‘. Bei Portemonnaiee, das dem Französischen entlehnt ist, gibt es auch in akademischen Gruppen schöne Ideen, wie man das schreiben könnte. Besonders gut hat mir ‚Portmoney‘ gefallen.
Leseflüssigkeit wiederum kann man testen, indem man Buchstaben vertauscht. Das heißt, , d.h., Anfangs- und Endbuchstabe stimmen, aber die Buchstaben dazwischen sind verdreht. Auf den höheren Kompetenzstufen wenden wir eine lexikalische Lesestrategie an, Das bedeutet, die Mehrheit der Wörter sind im Gedächtnislexikon abgelegt. Wenn das der Fall ist, lese ich ein Wortbild nach dem anderen weg, auch dann noch, wenn die Buchstaben vertauscht sind. Die konstruierende Strategie, die Buchstabe für Buchstabe erliest, analysiert und zusammenzieht, wäre im Alltag viel zu langsam. Aber wir wenden sie an, wenn wir mit der lexikalischen Strategie an die Grenze kommen. Das ist zum Beispiel bei ‚Blumentopferde‘ der Fall.
Sie haben in der leo-Studie auch abgefragt, wie gering literalisierte Menschen im Alltag mit Schriftsprache umgehen; ob sie etwa ihren Kindern vor Klassenarbeiten helfen, Dokumente selber ausfüllen oder sich allein um ihre Finanzen kümmern. Selbst auf dem niedrigsten Alphalevel, wo eigentlich nur Buchstaben beherrscht werden, gibt es bei jeder Frage Testpersonen, die gesagt haben: Ja, das mache ich. Hat Sie das überrascht?
Überhaupt nicht. Wir hatten in der zweiten LEO-Studie schon 47 Prozent Menschen mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Wir haben nicht gefragt, in welcher Sprache sie bei Klassenarbeiten helfen, Dokumente ausfüllen oder ihre Finanzen regeln. Es kann durchaus sein, dass das mehrsprachig gemacht wird. Außerdem sind Menschen schon auf dem Alpha-Level 2 und 3 in der Lage, in der Zeitung Überschriften zu erfassen. Die Testpersonen sagen dann: Ja, ich lese Zeitungen. Ob sie das Gelesene verstanden haben, haben wir nicht getestet.
Weiterhin arbeiten wir mit einem statistischen Verfahren, das es uns erlaubt, von relativ wenigen Testaufgaben aus auf plausible Kompetenzwerte zu schließen. Sonst könnten wir eine repräsentative Testung mit über 7.000 Personen gar nicht durchführen. Es kann also sein, dass die Menschen mit einzelnen Praktiken gut klarkommen, ihr Mittelwert aber trotzdem so ist, dass es einem niedrigen Kompetenzlevel entspricht. Einem Kind im Grundschulalter könnten die Eltern damit gegebenenfalls trotzdem vor der Klassenarbeit helfen. Außerdem ist nicht gesagt, dass sie dabei selber lesen und schreiben. Helfen kann auch heißen, neben dem Kind zu sitzen, es zu motivieren und darauf zu achten, dass es lernt.
Umgekehrt hat etwa jede zehnte gering literalisierte Testperson angegeben, einen Hochschul-, Fachhochschul-, Meister- oder Technikerabschluss zu haben und auf einer zu dieser Qualifikation passenden Stelle zu arbeiten. Hochgerechnet sind das mehr als 600.000 Menschen. Wie lässt sich das erklären?
Ein ganz großer Teil dieser Abschlüsse ist aus dem Ausland mitgebracht. Die Leute leben dann in Deutschland und sprechen gut Deutsch, sonst wären sie nicht ins Sample der LEO-Studie geraten. Aber ihr Lesen und Schreiben entspricht im Deutschen dem Alpha-Level 1 oder 2. Ein weiterer Teil hat die Abschlüsse zwar in Deutschland erworben, aber auf dem zweiten Bildungsweg oder durch Anerkennung von Leistungen. Da ist manchmal die Schriftsprache nicht das Dominante.
Und dann haben wir einen Anteil, der wahrscheinlich seine Kompetenz verloren hat. Die Menschen waren mal gut, haben aber durch einen Unfall, durch chronische Erkrankungen oder durch Suchtverhalten Kompetenzen verloren. Wir haben versucht nachzurechnen, wie viele Menschen in Deutschland eine erworbene Behinderung haben, also starkes Parkinson, Folgen von Schlaganfällen oder ähnliches. Dann haben wir uns einige Testhefte genauer angesehen. Bei einigen deutet das Schriftbild auf so solche Beeinträchtigungen hin.
Unter „geringer Literalität“ finden sich also viele unterschiedliche Lebenssituationen. Was heißt das für den alltäglichen und vor allem gesellschaftlichen Umgang?
Für die Zukunft müssen wir uns sicherlich stärker fragen, wohin wir mit den Angeboten, die wir machen, eigentlich wollen. Lernmöglichkeiten für Menschen aus anderen Sprachräumen müssen anders adressiert sein als betriebliche Angebote, die sich eher an Menschen mit Legasthenie richten. Gerade hier gibt es ja auch viele Hilfsmittel. Oft ist es besser, den Einsatz solcher Hilfsmittel zu unterstützen, damit sich die Menschen auf ihre Kompetenzen konzentrieren können.
In vielen Kontexten ist der erste Schritt nicht das Erlernen von Schriftsprache, sondern Empowerment; also von Diskriminierung, Ausgrenzung oder Marginalisierung betroffenen Personen den Rücken zu stärken. Prekäre Arbeitsverhältnisse und Leiharbeit zum Beispiel kennen gering literalisierte Menschen mit und ohne beruflichen Abschluss, mit deutscher oder nicht-deutscher Erstsprache. Wer etwas ins Netz schreibt und dabei viele Fehler macht, erlebt häufig hasserfüllte Reaktionen.
Gehen wir damit mal in den Bereich der politischen Bildung. Was lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht über die politische Teilhabe gering literalisierter Erwachsener sagen?
In der aktuellen PIAAC-Studie haben wir in vielen teilnehmenden Ländern gesehen, dass Menschen mit geringer Literalität sich politisch schlechter eingebunden fühlen und dass sie weniger Anbindung an ein Ehrenamt oder Parteipolitik haben. Sie äußern insgesamt ein geringeres soziales Vertrauen.
In mehreren populistisch regierten Ländern kippt dieses Gefühl jetzt aber um. In Polen zum Beispiel, wo es zwei Legislaturen rechtspopulistischer Regierungen gab, äußern gering literalisierte Erwachsene eher das Gefühl, dass ihre Regierung etwas für sie tut. Tatsächlich ist das aber gar nicht der Fall. Die Weiterbildungsbeteiligung in populistisch regierten Ländern geht zurück, der Anteil geringer Literalisierung steigt.
Womit hängt das zusammen?
Demokratische Parteien nutzen Bildung für die Umverteilung; die einen nach unten, andere in die Mitte. Neuere Studien zeigen, dass populistische Parteien das gar nicht tun. Sie setzen auf traditionelle Konzepte, und auch auf traditionelle Lehr-Lern-Verhältnisse, in denen es nicht darum geht, etwas kritisch zu hinterfragen, sondern der Lehrkraft zu glauben, weil sie Autorität hat. Empfängerinnen und Empfänger von Umverteilung gehen hierbei leer aus, empfinden das aber anders. Da kippt etwas in der Wahrnehmung in eine völlig falsche Richtung.
Wie genau hängt das mit dem Lesen und Schreiben zusammen? Nachrichten gibt es ja auch im Fernsehen oder Radio.
Aus der LEO-Studie lässt sich schlussfolgern, dass mit geringer Literalität das kritische Hinterfragen grundsätzlich schwerer fällt, und zwar in allen Lebensbereichen. Das fällt im Umgang mit Politik schwer, das fällt bei Verträgen schwer, bei der Alterssicherung, bei Bankkrediten oder Ratenkäufen. Es fällt schwerer zu entscheiden, ob man Onlinebanking machen soll oder nicht. Auch bei gesundheitlichen Fragen zeigt sich eine sehr hohe Unsicherheit.
Wer sicher lesen und schreiben kann, ist eher in der Lage, auch das Kleingedruckte nachzulesen. Wenn diese Menschen eine komische Nachricht bekommen und sich nicht sicher sind, ob die etwas taugt, gucken sie eher, wo das herkommt und wer das noch hat. Diese Praktik heißt ‚laterales Lesen‘ und ‚Quellenkritik‘. Dazu liest man fast immer viel Text in kleiner Schrift. Das fällt schwer, wenn man nicht flüssig liest.
In den vergangenen Jahren hat sich der Begriff der politischen Grundbildung etabliert. Was umfasst politische Grundbildung, über den Umgang mit Schriftsprache hinaus?
Dazu hat die Berliner Landeszentrale für politische Bildung ein Buch herausgegeben, das Handbuch Aufsuchende politische Bildung. Drei Themen haben wir in unserem Aufsatz als politische Grundbildung definiert: Einmal geht es um Grundfragen der Demokratie, also Grundgesetz, Gewaltenteilung, Wahlrecht. Zweitens braucht es eine Vorstellung von Erinnerungskultur zwischen Holocaust, Kolonialrassismus und auch zur Aufarbeitung der DDR. Drittens braucht es die Fähigkeit, sich mit Themen wie der Klimakrise und der Fluchtmigration zu befassen, das hängt ja zusammen. Politische Grundbildung ermöglicht Begegnungen zwischen Geflüchteten und Neuzugewanderten einerseits und marginalisierten, armutsbetroffenen Deutschen andererseits. Gleichzeitig ist zwischen diesen Gruppen der Konflikt um bestimmte Arbeitsplätze, bezahlbaren Wohnraum oder Schulplätze besonders groß. Das muss politische Grundbildung ernst nehmen und Angebote machen, das zu bearbeiten.
Was vermuten Sie für eine zunehmend digitalisierte Gesellschaft, die im Alltag generative KI einsetzt: Wird der alltägliche Umgang mit geringer Literalität leichter oder schwieriger?
Es wird mit Sicherheit leichter, zum Beispiel in der Arztpraxis mit Übersetzungstools zu arbeiten und nicht mehr mit dem eigenen Kind hinzugehen, das am Ende auch unschöne Diagnosen übersetzen muss. Gerade bei generativer KI gibt es aber auch eine massive Datenmitnahme. Die Algorithmen sozialer Medien treiben die Spaltung demokratischer Gesellschaften in gefährlicher Weise voran. Die Inhaber solcher Konzerne sind oft populistische Techmilliardäre. Das sind dieselben Leute, die fossile Energien vorantreiben und erhalten.
Digitale oder KI-gestützte Tools zu benutzen heißt auch, dieses Spiel mitzuspielen. Kritisches Hinterfragen ist aber eben eng mit dem Lesen und Schreiben verbunden. Digitale Selbstverteidigung bedeutet, die Augen offen zu halten für Alternativangebote. Auch das ist mit guten Lesefähigkeiten leichter. Überflüssig wird Schriftsprache also sicher nicht.