Erinnern in Zeiten von KI
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz, wenn es um Tod und Trauer geht? Was, wenn Verstorbene auf einmal wieder chatten? Wie weit darf digitale Erinnerungskultur gehen? Das multimediale Webangebot „Eternal You“ geht diesen Fragen nach. Wir stellen es vor.
Was bleibt, wenn wir gehen?
Wir nutzen das Internet ständig, oft, ohne es überhaupt noch bewusst wahrzunehmen. Digitale Apps begleiten uns durch den Tag. Aber was passiert, wenn auch das Trauern und Gedenken digitale Form annehmen? Was, wenn wir Erinnerungen programmieren können? Die sogenannte Digital Afterlife Industry hat diese Fragen bereits zu Produkten werden lassen – mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Ein Internet-Dienst etwa erweckt Verstorbene für die Dauer eines Chats vermeintlich wieder zum Leben. Wer den Dienst bucht, lädt Fotos, Chatprotokolle und Stimmproben des verstorbenen Menschen hoch, füllt einen Online-Fragebogen aus – und chattet dann mit dem virtuellen Klon, den die KI erstellt hat.
„Eternal You“ stellt kritische Fragen zur digitalen Unsterblichkeit
Die Autoren und Regisseure Hans Block und Moritz Riesewieck gehen in ihrem interaktiven Web-Projekt „Eternal You“ auch auf solche Angebote ein. Nutzer können sich dabei durch ihre Seite scrollen, lesen, zusehen und -hören, denn „Eternal You“ ist aus animierten Cartoons, Texten und Filmsequenzen komponiert. In den Cartoon-artig gezeichneten Geschichten geht es um Menschen, die das Trauern und Gedenken auch mithilfe von KI-Angeboten zu bewältigen versuchen. Und um Ideen, die unsere Erinnerungskultur möglicherweise nachhaltig verändern. Da ist etwa die Firmengründerin, die ausgehend von echten Menschen virtuelle Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erschaffen möchte. Zwar leuchtet ihre Idee sofort ein, wirft aber auch große Fragen auf: Wird hier Geschichte neu geschrieben? Wie können wir in Zukunft für historische Aufklärung sorgen? Solche Fragen formulieren die Autoren in ihrem Digitalprojekt immer wieder. Auch in kurzen Videos teilen sie ihre kritischen Gedanken zum digitalen Erinnern und der Idee einer digitalen Unsterblichkeit.
Ein Angebot zum Mitdenken
Das Projekt „Eternal You“ zeigt, wie vielschichtig das Erinnern im digitalen Raum ist. Immer wieder taucht dabei die Frage nach der Ethik auf: Die vorgestellten Dienste sind allesamt kommerziell, verkürzt gesagt, hat digitale Unsterblichkeit einen Preis. Kommen dann nur die zu Wort, die es sich leisten können? Was passiert, wenn ein Avatar oder Chat-Gegenüber Lügen widergibt? Und wer übernimmt Verantwortung für das, was ein Chat mit dem vermeintlichen Jenseits in den Trauernden auslöst?
Dass viele Fragen klar formuliert sind, wir alle aber eigene Antworten darauf finden können, hat die Jury des Grimme Online Awards überzeugt. Das Webangebot „Eternal You“ wurde 2025 mit dem Sonderpreis „Künstliche Intelligenz“ ausgezeichnet. Die Juroren haben die Aktualität und gesellschaftliche Relevanz unterstrichen: „Es geht um Identität, Trauer, digitale Unsterblichkeit und die Kommerzialisierung des Intimsten. Das Projekt bringt uns an den moralischen Kern der KI-Debatte und fordert uns auf, eine Haltung zu entwickeln.
EternalYou ist auf Deutsch und Englisch verfügbar.