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Geschichte der politischen Bildung – Interview mit PD Dr. Tim Schanetzky, Teil 2

Wie hat sich die politische Bildung in Deutschland entwickelt – und was sollte sie im Laufe der Jahrzehnte leisten? Darüber haben wir mit PD Dr. Tim Schanetzky gesprochen. Der Historiker und Projektleiter am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen spricht über die Anfänge der politischen Bildung, wichtige Wendepunkte und den Wandel des Demokratieverständnisses. Wir veröffentlichen das Gespräch in zwei Teilen.

Herr Schanetzky, der institutionelle Aufbau der politischen Bildung läuft ab 1946 zunächst über die Bundesländer. Wie sah dieser Aufbau aus?

Die Bundesrepublik entsteht ja gewissermaßen von unten nach oben: Zunächst wird auf kommunaler Ebene gewählt, dann folgen die Länder mit ihren verfassungsgebenden Versammlungen und den Landtagen. Über den von den Ländern bestückten Parlamentarischen Rat und das Grundgesetz entsteht schließlich die Bundesrepublik. Auch die politische Bildungsarbeit entwickelt sich zunächst dezentral: Es gibt Landeszentralen oder ihre Vorläuferorganisationen; über eine Bundeszentrale wird seit Herbst 1949 nachgedacht, errichtet wird sie aber erst 1952. Man muss diese Anfänge auch ins Verhältnis setzen: Die Landeszentralen und ihre Vorläuferorganisationen haben oft nur wenige Mitarbeiterstellen und sehr überschaubare Etats. Sie machen wenig eigene Programmarbeit, sondern regen Veranstaltungen eher an, fördern Bildungsträger und Tagungshäuser oder kaufen Publikationen an, die dann an Multiplikatoren verbreitet werden – Lehrkräfte, Pfarrer, Beamte. Politische Bildung ist also zunächst kein großes staatliches Feld, sondern verteilt sich auf relativ kleine Einrichtungen und kommunale Akteure wie bei den Volkshochschulen.

Bisher haben wir über politische Bildung außerhalb der Schule gesprochen. Wann kommt das Thema in die Schulen?

Dazu muss man zunächst in den Sommer 1945 zurückgehen, denn die
Schulen sind bei Kriegsende vollständig geschlossen worden. Zuerst überprüfen die Alliierten, welche Lehrkräfte wegen ihrer NS-Belastung aus dem Schuldienst ausscheiden müssen, und wer weiterarbeiten kann. Gleichzeitig gibt es – mit unterschiedlicher Intensität in den westlichen Besatzungszonen – die Idee, die Struktur des deutschen Bildungssystems zu verändern. Diese Reformversuche stoßen allerdings auf sehr starken Widerstand und bleiben weitgehend stecken. Die Debatte über neue Fächer wie Gemeinschaftskunde, Gesellschaftskunde oder Staatsbürgerkunde wird erst Ende der fünfziger Jahre vernehmlicher. Mit ihrer Etablierung in den Curricula beginnt dann zugleich die Professionalisierung der politischen Bildung: Wenn man Lehrerinnen und Lehrer ausbilden will, braucht man entsprechende Universitätslehrstühle. So entsteht die Politikdidaktik als akademische Disziplin, und allmählich bildet sich ein eigenes Berufsfeld heraus.

Wie entwickelt sich diese Form der politischen Bildung in den folgenden Jahren?

In der Reformära der Bundesrepublik, also zur Zeit der ersten Großen Koalition und am Beginn der sozialliberalen Ära, sind Fächer wie Gemeinschaftskunde, Staatsbürgerkunde oder Gesellschaftskunde mit demokratiepolitischen Hoffnungen überfrachtet. Dem folgt bald die Ernüchterung: Die Stundenumfänge werden in den Curricula wieder reduziert, und bald sind diese Fächer nicht mehr sonderlich gut angesehen – die Nachfrage unter Studierenden sinkt, weil der schulische Arbeitsmarkt durch die vorangegangene Einstellungswelle blockiert ist. Und wo es an Studierenden mangelt, werden bald auch Lehrstühle gestrichen.

Ungeachtet aller Fortschritte bei den Methoden: Im Kern besteht die Idee ja fort, dass Gemeinschaftskundelehrer ihren Schülern Anstöße zum Demokratielernen geben. Das stößt bei einem Teil der Schülerinnen und Schüler aber verstärkt auf Widerspruch, solchen, die sich selbst als politisch Handelnde begreifen und die Schule als hierarchischen Raum erleben. Das zeigt sich etwa bei den Auseinandersetzungen um Freiräume für Schülerzeitungen oder die Schülervertretung. Auch formalisierte Verfahren wie die SV-Wahlen ändern wenig daran, dass am Ende Lehrkräfte die Noten vergeben, und solche Machtverhältnisse werden zu dieser Zeit ja gerade diskutiert.

Wie verändert sich der Anspruch an die politische Bildung in dieser Zeit?

Ab Anfang der sechziger Jahre sagt man: Es genügt nicht, dass wir nur Multiplikatoren im klassischen Sinne ansprechen, sondern wir müssen alle Bürgerinnen und Bürger adressieren. Das wird nach „Achtundsechzig“ noch viel ausgeprägter. Es gibt neue Formate, die jetzt erstmals auch auf bildungsferne Schichten zielen. Die Bundeszentrale experimentiert zum Beispiel mit einem Magazin, das sich stark an Boulevardmedien orientiert. Das ist eigentlich sehr erfolgreich, aber den Bundestagsabgeordneten im Kuratorium parteiübergreifend viel zu heikel.

Warum wird diese Öffnung der politischen Bildung zum politischen Streitpunkt?

Letztlich geht es um die Frage: Sind wir eigentlich schon eine demokratische Gesellschaft? Willy Brandt tritt als Bundeskanzler an mit der Ankündigung „mehr Demokratie wagen“. Das zielt auf die Bundeswehr und die Betriebe, auf Schulen, Universitäten und viele andere Institutionen. Die Konservativen halten dagegen: Wir haben das Grundgesetz und eine funktionierende demokratische Ordnung. Was die Sozialliberalen wollten, sei eigentlich etwas ganz anderes: Sie wollten dieses System grundlegend verändern. Da ringen auch zwei konkurrierende Demokratiebegriffe miteinander. Das eine ist ein ganzheitliches Konzept: Demokratie ist überall – im Verein, im Sport, überall um uns herum. Demokratie soll also nicht nur den Staat betreffen, sondern in der Gesellschaft stattfinden. Dagegen steht eine Position, die sagt: Demokratie funktioniert über Wahlen, Diskussion und bestimmte Verfahren. Demokratie ist ein Staatsorganisationsprinzip und kein Prinzip der Gesellschaftsorganisation. 

Wenn politische Bildung also selbst Teil dieser Auseinandersetzung darüber ist, was Demokratie bedeutet: Welche Rolle kann sie dann überhaupt spielen?

Das ist ganz schwer zu beantworten. Was wir inzwischen aus empirischen Studien wissen, ist, dass politische Bildung wirkt. Das lässt sich zum Beispiel messen, wenn man Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor und nach einer Veranstaltung befragt oder vor und nach dem Besuch einer Gedenkstätte. Es wäre aber falsch, die staatliche politische Bildung oder einzelne Bildungsformate zu isolieren. Wenn ich auf mich selbst schaue, dann war der solide Sowi-Unterricht zu Schulzeiten jedenfalls nur ein winziger Baustein. Prägend waren andere, selbst gemachte Erfahrungen: Ich habe mich für Themen kritisch engagiert, mit dem Schreiben begonnen und bin allmählich ins Zeitung- und Büchermachen hineingerutscht. Dann geht man irgendwann auch mal zur Mitgliederversammlung eines Vereins und ist gezwungen, sich mit Geschäftsordnungsfragen zu befassen. Irgendwann wird man nominiert, gewählt und bekleidet ein Amt und hat Funktionen zu erfüllen, wird rechenschaftspflichtig. Das sind elementare demokratische Erfahrungen, aus denen eine aktive Haltung zum demokratischen Gemeinwesen erwächst – längst nicht nur in den Parteien oder ihren Vorfeldorganisationen. Schon vor diesem Hintergrund würde ich meinen, dass politische Bildung einer von zahlreichen Schauplätzen ist, auf denen sich Demokratie über sich selber verständigt – über die Frage, was Demokratie überhaupt sein kann und was es jeweils bedeutet, in einer demokratischen Ordnung zu leben.

(Teil 1 des Interviews ist am 21. September erschienen.)

PD Dr. Tim Schanetzky, Jahrgang 1973, ist Projektleiter am Kulturwissenschaftlichen Institut und lehrt Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Essen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Kapitalismus, Demokratiegeschichte, Expertenkulturen und politische Ideengeschichte. 2025 ist sein Buch Politik der politischen Bildung. Das Ringen um die Demokratisierung der Deutschen seit 1945 erschienen.