Ein Mann in einer blauen Jacke steht vom Gebäude der Bergischen Volkshochschule.

Wie lebt man in Deutschland ohne Schriftsprache?

In Deutschland können mehr als sechs Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben. Martin aus Wuppertal ist einer von ihnen. Was heißt das für ihn – was für die politische Bildung, die Menschen wie Martin erreichen soll? Ein Bericht in acht kurzen Texten.

Teil 2 – Ein Tag mit: Martin, 50, gering literalisiert

Einer von acht Erwachsenen hat das gleiche Problem.

Martin aus Wuppertal hat den 40. Geburtstag bereits hinter sich, als er etwas lernt, von dem die meisten Menschen in Deutschland glauben, Kinder erledigen das. Aber als Kind hat Martin das Lesen und Schreiben nicht richtig gelernt, obwohl er zehn Jahre zur Schule gegangen ist. Er sagt: „Eigentlich hätte ich ab der sechsten Klasse immer wieder sitzen bleiben müssen“. 

Als Kind besucht Martin eine Förderschule. Jahr um Jahr wird er eine Klassenstufe weiter versetzt und schließlich ohne Abschluss in eine Arbeitswelt entlassen, auf die er nicht vorbereitet ist. Er hangelt sich von Hilfsjob zu Hilfsjob, unterbrochen von Zeiten der Arbeitslosigkeit. 

Nur wenigen Menschen erzählt Martin, dass er kaum lesen und schreiben kann. Eine Freundin hilft ihm manchmal mit den Anträgen. Eines Tages läuft im Fernsehen eine Werbung für das ALFA-Telefon , das zu Lernangeboten berät. Die Freundin sagt: „Du rufst da jetzt an“. 

So kommt es, dass Martin mit über 40 Jahren noch einmal zur Schule geht. Er fällt aus allen Wolken, als er den Kursraum in der Bergischen Volkshochschule zum ersten Mal betritt. An den Tischen sitzen noch weitere Erwachsene, die einander verstohlen mustern. Martin sagt: „Bis dahin habe ich fest geglaubt, der einzige zu sein, der das nicht kann“. 

Vier Jahre lang wird Martin an der Volkshochschule lernen; Buchstaben und Grammatik und auch, wie viele Erwachsene es gibt, die das Lesen und Schreiben so wenig beherrschen wie er. Es sind bundesweit mehr als sechs Millionen. Das ist jede und jeder Achte. 

Was ist Literalität, was geringe Literalität? Lesen Sie dazu ein Interview mit der Literalitätsforscherin Prof. Dr. Anke Grotlüschen.

Warum Martin lesen und schreiben als Kind nicht richtig lernt

Martin kommt 1975 in Berlin zur Welt. In seiner Familie gibt es Suchtprobleme. Er kann dort nicht bleiben. Das Jugendamt vermittelt ihn in eine Adoptivfamilie nach Wuppertal. „Das war ein wohlhabendes Umfeld“, sagt er. Beide Eltern sind selbstständig. 

Gleich nach der Einschulung merkt Martin, dass er langsamer lernt als der Rest der Klasse. Vieles versteht er nicht. Der Vater nennt ihn einen Versager. Die Mutter sucht Beratung um Beratung auf. Die Diagnose lautet: Legasthenie. Sein Gehirn verarbeitet Schriftsprache anders.

Martins Grundschulzeit fällt in die 1980er Jahre. Über Legasthenie ist damals viel weniger bekannt als heute. Kaum jemand weiß zudem, dass es in Deutschland Millionen Erwachsene gibt, die nicht richtig lesen und schreiben können. So merkt niemand, dass Martin auf dem besten Weg ist, einer von ihnen zu werden. 

In Bielefeld vertraut sich ungefähr zu dieser Zeit ein erwachsener Mann einer jungen Pädagogin an, die einen Kurs an der Volkshochschule leitet. Sie heißt Marion Döbert und kann zunächst nicht glauben, was sie da hört. Ein Erwachsener, der sagt, dass er nicht lesen und schreiben kann? In Deutschland? Sie recherchiert und stößt auf eine Initiative in Bremen, der etwas ganz ähnliches im alltäglichen Umgang mit Strafgefangenen aufgefallen ist. Marion Döbert begreift, welches Problem Deutschland mit funktionalem Analphabetismus wirklich hat. 

1987 führt die Volkshochschule Bielefeld auf ihre Initiative hin als eine der ersten VHS bundesweit Alphabetisierungskurse für Erwachsene ein. Marion Döbert leitet diesen Programmbereich bis zu ihrer Rente und baut ihn auf 14 Kurse aus. Darüber hinaus macht sie sich für Forschung stark und gründet in Münster den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung mit.

Seither hat sich viel getan. Bald endet die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (AlphaDekade) 2016-2026. Das große Bund-Länder-Programm hat vor allem Forschung und Modellprojekte vorangetrieben. Schwerpunkte waren arbeitsplatzorientierte Grundbildung, finanzielle Grundbildung und die Frage, wie sich die Zielgruppe für solche Angebote besser erreichen lässt.

Als Martin zur Schule geht ist, gibt es all das nicht. Sein Umfeld unterstellt ihm, faul zu sein und setzt das Kind unter Druck. Das Gefühl, dieser Welt nicht gewachsen zu sein, wird sich tief in Martin einbrennen. Es bestimmt, wie er sich und die Welt erlebt – auch dann noch, als er sein Lesen und Schreiben längst verbessert hat. 

Wie Martin Krisen erlebt

Die Forschung sagt: Gering literalisierte Erwachsene stehen Krisen besonders verletzlich gegenüber. Martin bezieht derzeit Bürgergeld. Seit erst die Corona-Pandemie und dann der Ukraine-Krieg dafür gesorgt haben, dass alle Preise steigen, hat er fortwährend Angst, die Kontrolle über sein Budget zu verlieren. Mehr als vorher achtet er auf Sonderangebote.

Mit Prospekten kommt Martin gut klar: viele Bilder, wenig Schrift, große Preisangaben. Mittlerweile jedoch hat jede Supermarktkette eine eigene App und jeden Tag ein anderes Angebot. Allein die vielen Zugangsdaten verunsichern ihn. Martin sagt, er habe ständig Sorge, etwas wichtiges zu übersehen.

Was die Digitalisierung leichter macht – und was nicht

Die Digitalisierung schafft in seinem Leben immer neue Situationen. Von vielem profitiert Martin. Er kann zum Beispiel Sprachnachrichten verschicken oder in Text umwandeln lassen. Das macht es ihm leichter als früher, mit Freunden im Kontakt zu sein. Martin fühlt sich weniger einsam.

Er hat aber auch das Gefühl, vielen Entwicklungen ausgeliefert zu sein. Online-Banking etwa lehnt Martin lange ab. Aber Online-Banking führt auch dazu, dass Filialen vor Ort schließen. Nun hat Martin die Wahl: für jede Überweisung lange Wege zu fahren oder sie doch am Computer zu erledigen. Er legt sich einen digitalen Account zu, zweifelt aber daran, dass dieser wirklich sicher ist.

Das heißt: Eigentlich zweifelt Martin an sich selbst. Ein Zahlendreher im Überweisungsbetrag, und es kann passieren, dass er für den Rest des Monats kein Geld für Essen hat. Nie kann er sicher sein, alles richtig zu machen. Er hat Angst, Probleme zu verursachen, die er nicht kommen sieht, die er kaum bewältigen kann – und dann niemanden bei der Bank zu erreichen, der helfen kann und will.

Wo Martin sich über Politik informiert

In dieser Welt, die sich schnell und schneller dreht, versucht Martin, so gut es geht am Ball zu bleiben. Viele Informationen nimmt er aber gar nicht wahr: Plakate und Aushänge oder Nachrichtenfenster im Bus haben keinerlei Bedeutung für ihn. Die längste Zeit seines Lebens hat er nicht verstanden, was dort geschrieben steht. 

Erwachsene, die gut lesen und schreiben können, sind ständig von solchen Informationen umgeben und klären auch darüber bewusst und unbewusst ihren Umgang mit der Welt. Für Martin bleibt das anstrengend. Als Erwachsener lesen und schreiben zu lernen meint nicht nur, den Umgang mit Buchstaben und Grammatik zu verbessern. Martin muss völlig neu lernen, Schriftsprache wahrzunehmen und anzuwenden.

Dabei interessiert sich Martin sehr für die Welt und auch für Politik, vor allem die in Wuppertal. Martin weiß, dass sich die Stadt gerade über eine geplante Bundesgartenschau streitet. Er kennt die Argumente und hat eine Meinung: „Das Geld hätte ich lieber für sowas wie Spielplätze ausgegeben. Davon hätten die Menschen in Wuppertal mehr“.

Nachrichten schaut er im Fernsehen. Er hört Radio und liest viel bei Facebook und Instagram. Martin weiß, dass er in den sozialen Medien vorsichtig sein muss. Er ist Fan von Michael Schumacher. In  seinem Feed hat er ständig Posts, in denen der schwer verunglückte frühere Formel-1-Weltmeister mal gestorben, mal überraschend genesen ist. Martin sagt, dass er sich anschaut, wer die Nachricht verbreitet hat. „Ich habe ein ganz gutes Gefühl entwickelt, wem ich vertrauen kann und wem nicht“. 

Schwieriger findet er den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Er nutzt sie ständig, weil sie sein Leben erleichtert. Er kann mit Suchmaschinen einfach sprechen. Sie übersetzen seine Frage in technische Kommunikation und suchen ihm nicht nur heraus, was er wissen will, sondern formulieren einen Text, den Martin sich vorlesen lassen kann. Das ging vor ChatGPT nicht. „Aber ich weiß natürlich, dass die KI viele Fehler macht“.

Martin bezweifelt, dass er es schaffen würde, komplexe Fakten richtig zu recherchieren. „Zum Glück habe ich Leute um mich herum, die ich fragen kann“.

Wer Martin unterstützt

Fragen kann Martin seine Freundin Corinna. Ihr hat er schon beim ersten Treffen erzählt, dass er Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat. Corinna hat gesagt: „Ich kann Dir ja helfen“. Heute muss sie darüber lachen: „Ich habe das völlig unterschätzt“. 

Gerade weil Martin nur schwer lesen und schreiben kann, gibt es in seinem Leben besonders viel Grund, es zu tun. Die Anträge auf Weiterbewilligung von Bürgergeld etwa muss er immer wieder neu ausfüllen. Martin hat Verträge abgeschlossen, die er nicht verstanden hat und Schulden angehäuft. Irgendwann verliert auch Corinna den Überblick. „Es ist ja nicht nur das Ausfüllen, sondern auch das Sortieren und Abheften“.

Die Beziehung gerät in eine Krise. Es sind dunkle Wochen, in denen sich Martin in eine Tagesklinik einweisen lässt. Hier kommt die Idee auf, einen gesetzlichen Betreuer zu bestellen, der den ganzen Schriftkram übernimmt.

Martin stimmt zu. Die Beziehung mit Corinna entspannt sich daraufhin. Dafür muss Martin sein ganzes Leben einem wildfremden Menschen offenbaren, der zudem nicht immer erreichbar ist. Vertrauen hat Martin noch nicht aufgebaut. Hier und da übernimmt Corinna also doch. Sie sagt: „Das geht manchmal einfach schneller“. 

Wie Martin gelernt hat, Bücher zu lieben

Martin hat aber auch Spaß an Schriftsprache entwickelt. In seiner Wohnung gibt es ein Bücherregal mit Literatur in Einfacher Sprache. 

Sein erstes Buch fällt Martin zufällig in die Hand. Es ist die Übertragung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, erschienen im Spaß am Lesen Verlag aus Münster. Der Verlag gibt Literatur ausschließlich in Einfacher Sprache heraus. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sollte Martin auch in der Schule lesen. Er hat es gehasst. „Ich habe überhaupt nicht verstanden, worum es geht“.

In Einfacher Sprache schafft er den Text. Martin begreift, dass Lesen auch dafür da ist, sich in den Erfahrungen anderer wiederzufinden. Er liest weiter: Moby Dick. 20.000 Meilen unter dem Meer. Sophie Scholl – Die letzten Tage. Alles in Einfacher Sprache. 

Es gibt sogar ein Buch, das Martin gewidmet ist: „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“. Auf einer Veranstaltung lernt er Ralf Beekveldt kennen, Geschäftsführer des Spaß am Lesen Verlags. Er erzählt ihm, wie sehr er als Kind die Filme von Huckleberry Finn geliebt hat. Ralf Beekveldt sagt: „Wir geben das als Buch heraus“. 

So kommt es. Martin hat etwas für das Vorwort geschrieben. „Ich erkenne mich selbst in dem Buch wieder. Auch ich hatte kein einfaches Leben. Darum mag ich diese Geschichte so. Früher hätte ich am liebsten selbst mitgespielt, so toll fand ich die Abenteuer von Huckleberry Finn“.

Martin sagt, dass er Bücher in Einfacher Sprache gut lesen kann. Sie haben eine große Schrift und kurze Sätze. Weniger gebräuchliche Worte sind im Glossar erklärt. Weil er nicht so viel Energie zum Entziffern der Schrift braucht, kann Martin sich leichter auf den Inhalt konzentrieren. Er fragt sich, warum Formulare nicht auch so gestaltet sind.

Wie Martin sich politisch engagiert

Vor einigen Jahren beschließt Martin, sich selbst dafür einzusetzen, dass das Leben mit geringer Literalität einfacher wird. Beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung gibt es das Projekt ALFA-Mobil . Fachkräfte und gering literalisierte Menschen fahren gemeinsam quer durch die Republik. Sie stehen vor Jobcentern, in Einkaufsstraßen oder auf dem Marktplatz, klären auf und informieren über Lernangebote.

Auch Martin ist oft dabei, ehrenamtlich. Er erzählt aus seinem Leben und trifft viele Menschen, die ihm zuhören. Er gibt Interviews und findet Freunde, denen es so geht wie ihm. 

Im Herbst 2025 erfährt Martin, dass das ALFA-Mobil aufhören muss. Mit dem Ende der AlphaDekade endet auch die Förderung des Modellprojekts. Bislang hat sich niemand gefunden, der die Finanzierung übernimmt. „Das ist richtig blöd. Für mich ist das ALFA-Mobil wichtig gewesen“. Wo sich Martin künftig einsetzen wird, weiß er noch nicht.

Wählen geht Martin nicht. Er hat das Gefühl, dass er mit seiner Stimme nichts bewirkt. So erlebt er sein ganzes Leben, obwohl Martin viel aktiver geworden ist, seit er sein Lesen und Schreiben verbessert hat – und vor allem: seitdem er nicht mehr das Gefühl hat, sich verstecken zu müssen.

Martin hat beobachtet, dass in seinem Umfeld immer mehr Menschen die AfD wählen. Er glaubt, dass viele nicht einmal wissen, was die AfD will. Aber sie sehen, wie aufgeregt alle sind, wenn die AfD bei Wahlen gut abschneidet. Martin glaubt: Sie haben dann das Gefühl, mit ihrer Stimme doch etwas bewegt zu haben; dass die Politik sie zur Kenntnis nehmen muss, ob sie will oder nicht.

Martin sagt, dass er das verstehen kann. Für sich selbst will er das nicht. Die Benachrichtigung zur Kommunalwahl 2025 hat Martin nie gelesen.