Porträt von Sladjena Batinić (dunkle schulterlange Haare, Brille)

Wir holen die Menschen da ab, wo sie stehen

Mehr als 1,3 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen können unzureichend lesen und schreiben. Dabei beeinflusst geringe Literalität auch den Grad der politischen Teilhabe – wie und wo informiere und beteilige ich mich? Welche Anlaufstellen NRW bietet, haben wir die Leiterin des Landesnetzwerk Alphanetz NRW gefragt.

Teil 3 – Wie lebt man in Deutschland ohne Schriftsprache?

Mehr als 1,3 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen können unzureichend lesen und schreiben. Das wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus, im Beruf genauso wie im Privatleben. Auch der Grad der politischen Teilhabe wird durch geringe Literalität beeinflusst – wie und wo informiere und beteilige ich mich? Welche Anlaufstellen NRW bietet, wenn es um Grundbildung geht, haben wir Sladjena Batinić gefragt. Sie ist beim Landesverband der Volkshochschulen von NRW e.V. für das Landesnetzwerk Alphanetz NRW und die Themen Alphabetisierung und Grundbildung zuständig.

Frau Batinić, etwa jeder achte Erwachsene in NRW ist gering literalisiert. Natürlich sind die Hintergründe und Lebenssituationen sehr unterschiedlich, aber für alle Betroffenen stellt die deutsche Schriftsprache eine große Hürde dar. Welche Rolle hat die Alphabetisierung in der Grundbildung?

Lesen und Schreiben zu können ist in einer durch und durch verschriftlichten Welt eine fundamentale Kernkompetenz und für gesellschaftliche Teilhabe enorm wichtig. Auch im digitalen Raum setzt sich die Schriftsprache fort. Das heißt, Alphabetisierung ist die Basis, auf der vieles andere aufbaut. Wir können uns Grundbildung als einen bunten Themenfächer vorstellen, sie umfasst neben Schreiben und Lesen auch die Rechenfähigkeit, die Grundfähigkeiten im digitalen Kontext, kulturelle und politische Grundbildung – all die Basic Skills, die für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung notwendig sind. Dass jeder 8. Mensch in NRW und auch bundesweit betroffen ist, zeigt, wie groß der Handlungsbedarf ist.

Wie ist die Grundbildungslandschaft in NRW für diese Zielgruppe aufgestellt?

Wir haben in Nordrhein-Westfalen eine wirklich gute Infrastruktur. 131 kommunale Volkshochschulen bilden ein flächendeckendes Netz an Anlaufstellen. Die Alphabetisierung und Grundbildung ist eine Pflichtaufgabe der vhs, das ist im Weiterbildungsgesetz von NRW so verankert. Geringe Literalität ist allerdings ein hochsensibles Thema, das für viele Menschen mit Scham verbunden ist. Deshalb brauchen Volkshochschulen als größtes Anbieter-Netzwerk von Grundbildungskursen weitere Verbündete, um gering Literalisierte zu erreichen und über die Angebote zu informieren. Der Weg in einen Kurs verläuft oft über Schleifen. Hier braucht es Vertrauenspersonen und Menschen, die Mut machen. Aber auch Öffentlichkeitsarbeit und fachlicher Austausch, wie ihn die bundesweite AlphaDekade fördert, spielen eine große Rolle, um das Thema zu enttabuisieren und um erfolgreiche Ansätze zu teilen. Wir im Alphanetz NRW sensibilisieren viele verschiedene Personengruppen und Akteure aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen für das Thema, entwickeln neue Formate, gehen neue Wege bei der Zielgruppenansprache. Hier greifen verschiedenen Handlungsfelder ineinander.

Hier bringen Sie das Alphanetz NRW ins Spiel. Welche Rolle erfüllt das Netzwerk in NRW?

Das Alphanetz NRW bringt seit über zehn Jahren Akteure träger- und handlungsfeldübergreifend zusammen – landesweit: Dazu gehören die Volkshochschulen, Universitäten, Wirtschaftsakteure, Weiterbildungsinstitute, Jobcenter, politische Entscheidungsträger, die Caritas oder die Diakonie ... Inzwischen hat das Alphanetz mehr als 160 Mitglieder und freut sich über jede und jeden neuen Verbündeten. Für ein so wichtiges Thema zu sensibilisieren, Vorurteile abzubauen, die Zielgruppen anzusprechen, Angebote zu verknüpfen – all das gelingt nur in einem stabilen, breit aufgestellten und gut koordinierten Netzwerk.

Das Landesnetzwerk erhöht die Reichweite seiner Mitglieder und schafft so mehr Sichtbarkeit für das Thema. Die verschiedenen Träger und Akteure vernetzen sich und kooperieren miteinander, und das fördert wiederum wertvolle Synergien im Sozialraum, in den Stadtteilen, im Lebensumfeld. Das heißt, wir holen die Menschen da ab, wo sie stehen. Es entstehen neue Angebote und offene Formate, auch zu speziellen Themen. Unser langjähriger Kooperationspartner Arbeit und Leben NRW bietet beispielsweise Grundlagenseminare für Betriebsräte an: Das Angebot ist arbeitsweltbezogen, aber auch politische Inhalte fließen mit ein – wie Demokratie, Mitbestimmung, Wahlen.

Wie sieht die Angebotsstruktur in NRW aus, wenn es um die erweiterte Grundbildung geht, etwa im Bereich der politischen Bildung?

Politische Grundbildung ist fast immer mit den klassischen Kursangeboten verzahnt. Grundsätzlich versuchen wir, Menschen einen thematischen Zugang zu ermöglichen – über eine Fragestellung, die für sie alltagsrelevant ist. Oft kommen Themenimpulse aus der Kursgruppe zu aktuellen Geschehnissen, z. B. anstehende Wahlen, Preissteigerung etc. Anders herum formuliert: Indem ich zum Beispiel ein Angebot zur kulturellen Grundbildung wahrnehme, verbessere ich auch meine Lese- und Schreibkompetenz. Vielleicht besuche ich ein Grundbildungsangebot, das als Kochkurs konzipiert ist. Ich lerne, ein Rezept zu lesen, Zutaten abzuwiegen, was wiederum mathematische Grundbildung bedeutet. In der Mediengrundbildung etwa ist die Auseinandersetzung mit Fake News ein Thema – über welche Kanäle informiere ich mich, wie valide sind diese Informationen, woher stammen sie etc. Dabei berühren wir wiederum den Bereich der politischen Grundbildung. Grundsätzlich werden in den Angeboten immer viele Kompetenzen miteinander verknüpft, was die Kursleitenden sehr in ihrer Lehrtätigkeit fordert.

Wo finden Interessierte solche Inhalte zur Grundbildung – sind das grundsätzlich  Kursformate, die man über die VHS buchen kann?

Die klassischen Kurse bilden den größten Teil des Angebots, aber wir verfolgen zunehmend kooperative und projektbasierte Ansätze. Wir möchten – und müssen – uns stärker am Sozialraum und den Lebenswelten der Menschen ausrichten, die wir erreichen wollen. Manche scheuen vielleicht den Weg in eine Volkshochschule, beispielsweise aufgrund negativer Schulerfahrungen. Da helfen niedrigschwellige Zugänge. Vielleicht besuchen sie offenere Formate, beispielsweise erstmal ein Lerncafé. Solche Brückenformate spielen eine immer größere Rolle: Dahin kommen die Menschen und freunden sich überhaupt erstmal wieder mit der Lernsituation an. Sie fassen Vertrauen und lassen sich schrittweise auf den Lernprozess ein. Bildungsarbeit ist immer Beziehungsarbeit.

Hinter solchen Brückenformaten steht also die Idee: Wenn die Zielgruppe nicht zur VHS kommt …

… muss die Volkshochschule, oder der jeweilige Bildungsanbieter, eben zur Zielgruppe gehen. Wir wissen, wie wir Bildung vermitteln, wir haben das methodisch-didaktische Know-How und auch das Fachwissen. Aber um mehr Menschen abzuholen oder auch um andere Lernorte anbieten zu können, brauchen wir Partner. Viele vhs setzen das längst erfolgreich um. In Verl etwa hat die vhs in Kooperation mit lokalen Akteuren und im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ das offene Rathaus umgesetzt, Workshops, in denen sich Lokalpolitiker mit den Teilnehmenden austauschen konnten. Die VHS Ennepe-Ruhr-Süd bieten einen Lerntreff für ältere Menschen mit Grundbildungsbedarf an, um Demokratieverständnis, Dialog und Engagement zu fördern. In Ahaus und Bocholt haben die Volkshochschulen in Kooperation mit Schulen Workshops zur Demokratieförderung anlässlich der Europawahl umgesetzt. Da wurden 120 Schülerinnen und Schüler zu Erstwahlprofis ausgebildet.

Und um in der Erwachsenenbildung zu bleiben: Auch durch die Zusammenarbeit im Alphanetz NRW entstehen neue und niedrigschwellige Formate und Materialien. Das F3_Kollektiv beispielsweise hat im Bereich der politischen Grundbildung Open-Source-Angebote für pädagogische Fachkräfte und Multiplikatorinnen entwickelt, die Themen wie machtkritische Bildung, Feminismus oder auch den Klimawandel aufgreifen möchten. Politische Grundbildung, die Stärkung unserer Demokratie, das begreifen wir als gemeinsamen Bildungsauftrag für die gesamte Gesellschaft – und als ein Thema, das uns im Alphanetz NRW begleiten wird.

Ansprechpartner in NRW

Alphanetz NRW

Das Alphanetz NRW bündelt Kompetenzen, informiert, qualifiziert und sensibilisiert zu Themen der Alphabetisierung und Grundbildung: alphanetz-nrw.de
Die zentrale Koordinierungsstelle fürs Alphanetz NRW erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse lesen@vhs-nrw.de
Auf der Webseite Alphanetz NRW sind alle Mitglieder verlinkt, sodass Interessierte gezielt eine passende Anlaufstelle finden können.

ALFA-Telefon

Das ALFA-Telefon ist die kostenlose, anonyme Beratungshotline des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. Hier bekommen Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten, deren Angehörige oder Lehrende Informationen zu Kursen und Hilfe beim Lesen- und Schreibenlernen. 
Das ALFA-Telefon ist Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 9 bis 12 Uhr erreichbar, auch per WhatsApp.
Telefon: 0800 53 33 44 55
Webstite: https://alfa-telefon.de/

Volkshochschulen in NRW

In allen Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen stehen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für die Themen Alphabetisierung und Grundbildung bereit.
Eine Übersicht über die 131 Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen bietet die Webseite des Landesverbandes der Volkshochschulen in NRW. Dort stehen die E-Mail-Adresse und Telefonnummer jeder VHS.
Alle Bildungsangebote der Volkshochschulen sind online in der Suchmaschine Kursfinder aufgeführt.

Ehrenamtler gesucht

Wer sich ehrenamtlich engagieren und Menschen dabei unterstützen möchte, ihre Lese- und Schreibkenntnisse zu verbessern, kann sich an die Volkshochschulen wenden oder auch an die Mitgliedseinrichtungen des Alphanetzes NRW. Aktuell suchen auch die Kölner Stadtteilbibliotheken Tandempartner in ihren Lernstudios für Alphabetisierung und Grundbildung.