Foto von Dr. Johannes Jansen

„Wir müssen den Unterschied zwischen historischer Schuld und historischer Verantwortung deutlicher machen“

Was wissen die Menschen in Deutschland über die deutsche Kolonialzeit? Wie denken sie darüber? Wissenschaftler an der Universität Münster haben in einer großen Befragungsstudie das Wissen und die Einstellungen zur deutschen Kolonialvergangenheit untersucht. Der Münsteraner Forscher Dr. Johannes Jansen, der die Studie maßgeblich begleitet hat, ordnet die Studienergebnisse ein.

Was wissen und wie denken wir über die deutsche Kolonialvergangenheit?

Mit dieser Leitfrage ist eine große repräsentative Bevölkerungsbefragung gestartet, umgesetzt von der Universität Münster. Der Historiker Dr. Johannes Jansen hat die Studie mitentwickelt. Sie ist Teil des gemeinsamen Forschungsprojekts „Kolonialgeschichte, Geschichtskultur und historisch-politische Bildung in Nordrhein-Westfalen“. Das Verbundprojekt der Universitäten Münster und Aachen wird von der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen gefördert.

 

Sie haben über 2.000 Menschen in Online-Fragebögen befragt. Worum ging es darin, was wollten Sie wissen? 

Wir wollten zum einen herausfinden, wie der Wissensstand zur deutschen Kolonialvergangenheit ist. Zum anderen interessierten uns die Einstellungen in der Bevölkerung zur deutschen Kolonialzeit. Unsere Umfrage umfasste insgesamt 57 Fragen – und jede davon hat einen gewissen Erkenntniswert. So haben wir beispielsweise gefragt: Kann man auf die deutsche Kolonialvergangenheit stolz sein? Sollte man sich dafür schämen? Haben die Menschen den Eindruck, dass man von der damaligen Kolonialzeit heute noch etwas spüren kann? Denken sie, dass die Kolonialzeit und die Zeit des Nationalsozialismus etwas miteinander zu tun hatten?

Und natürlich interessierte uns die Meinung zu bestimmten Debatten: etwa zur Rückgabe von geraubten Kulturgütern oder über Begriffe in Kinderbüchern, die als rassistisch diskutiert werden.

Dabei hatten wir den Wunsch, unsere Befragungsstudie nicht nur in NRW, sondern deutschlandweit durchzuführen. Durch die Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungs- und Umfrageinstitut forsa konnten wir eine repräsentative Befragung durchführen, das heißt unsere Befunde sind verallgemeinerbar auf die gesamte Bundesbevölkerung.

 

Die finale Auswertung läuft noch, aber was verraten vorab die Studienergebnisse darüber, wie gut oder schlecht die Bevölkerung in Deutschland über den Kolonialismus informiert ist?

Dass Deutschland früher über Kolonien verfügte, ist neun von zehn Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern bekannt. Aber das weitere Wissen zur deutschen Kolonialvergangenheit und vor allem die Berührungspunkte mit dem Thema im Alltag der Befragten sind nicht sehr groß. 

 

Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie?

Exemplarisch möchte ich drei Befragungsergebnisse herausgreifen: 60 Prozent der Befragten halten aus heutiger Perspektive die damaligen Geschehnisse für historisches Unrecht. Trotzdem stimmt jeder dritte Befragte der Aussage zu, nach mehr als 100 Jahren sei bei der Erinnerung an die deutsche koloniale Vergangenheit ein Schlussstrich nötig. Aufschlussreich ist auch, welche Hinweise uns die Studie darauf gibt, wie die Befragten gesellschaftliche Debatten über Kolonialismus und Kolonialgeschichte wahrnehmen. Eine der Aussagen im Fragebogen war: „Ich habe das Gefühl, dass dieses Thema oft dazu benutzt wird, um uns ein schlechtes Gewissen zu machen.“ Dieser Aussage haben über 43 Prozent der Befragten zugestimmt, darunter auch Befragte, die eine historisch-kritische Auseinandersetzung und postkoloniale Anliegen eindeutig befürworten.

 

Sie haben auch nach den Einstellungen zu aktuellen Debatten gefragt, etwa wenn es um die Rückgabe von Kulturgütern geht, die während der Zeit des Kolonialismus geraubt wurden. Was für ein Bild hat Ihre Studie in diesen Aspekten aufgezeichnet?

Wir haben die Teilnehmenden beispielsweise gefragt, welche Maßnahmen historischer Verantwortungsübernahme sie gut finden würden. Soll es einen Gedenktag für die Opfer des Kolonialismus geben? Oder soll Deutschland Entschädigungszahlungen leisten oder die geraubten Kulturgüter zurückgeben? Eher symbolischen Akten wie der Errichtung eines Mahnmals oder einer offiziellen Entschuldigung der Bundesregierung bei den Nachfahren der Opfer deutscher Kolonialherrschaft haben jeweils etwa 40 % der Befragten zugestimmt. Bei anderen Maßnahmen, etwa denjenigen, die höhere Kosten verursachen, war die Zustimmung wesentlich geringer. 

 

Welche Ergebnisse haben Sie überrascht oder Ihrem bisherigen Bild widersprochen?

Was uns überrascht hat, waren die Antworten am Ende der Fragebögen. Da gab es ein freies Feld, in das die Befragten alles zum Thema eintippen konnten, was sie noch sagen wollten. Viele haben dort geschrieben, dass ihnen erst beim Ausfüllen des Fragebogens klar wurde, was eigentlich zum Thema Kolonialismus alles dazugehört. Und dass ihr Interesse und die Bedeutung des Themas aus ihrer Sicht im Nachhinein höher sind, als sie es zu Beginn der Befragung angegeben hatten. Daraus schließen wir auch, dass es vielleicht gar nicht so viel braucht, um ein gewisses Interesse an der deutschen Kolonialvergangenheit zu wecken und ihre Relevanz für die Gegenwart aufzuzeigen.

 

Wo sehen Sie auf Basis der Studie Verbindungen zwischen kolonialen Denkmustern und heutigem Rassismus oder Ungleichbehandlung? 

Wichtig ist zu verstehen, dass im Zuge des Ersten Weltkriegs die deutsche Kolonialherrschaft politisch endete, dass aber der Kolonialismus „in den Köpfen der Menschen“, also koloniale Denk- und Wahrnehmungsmuster, nicht plötzlich weg waren. Unsere Studie legt solche Denk- und Deutungsmuster in ihrer heutigen Verbreitung ansatzweise offen. Von den Befragten selbst gaben 32 Prozent an, koloniale Denkweisen seien bis heute prägend. Ebenso hoch war der Anteil der Befragten, die Ursachen für Rassismus in der Gegenwart mit Kolonialismus in Verbindung bringen.

 

Diskussionen um Kolonialismus und Forderungen nach „Dekolonialisierung“ lösen starke Emotionen und Abwehrreaktionen aus. Wie können wir in der Gesellschaft darüber sprechen, ohne dass sofort gegnerische Seiten entstehen? Was hilft in der öffentlichen Debatte, was eher nicht?

Mir fällt es nicht leicht, darauf pauschal zu antworten. Viele Befragte unterstützen eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialzeit. Gleichzeitig äußern viele das diffuse Gefühl, dass sie individuell moralisch verurteilt würden. Es kommt also auch darauf an, wie wir über Geschichte sprechen. Wir sollten den Unterschied zwischen historischer Schuld und historischer Verantwortung viel deutlicher machen.

Historische Verantwortung heißt, anzuerkennen, dass heutige gesellschaftliche Verhältnisse auch Folgen früherer gesellschaftlicher Verhältnisse sind. Es geht darum, unsere gesellschaftliche Gegenwart im Hinblick auf koloniale Nachwirkungen kritisch zu hinterfragen. Aber nicht, weil wir historisch schuldig sind, sondern weil wir uns als Teil einer historisch gewachsenen, global geprägten Gesellschaft verstehen.

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